"Vor Menschen und Dingen habe ich mich, glaube ich, nie gefürchtet, wohl aber vor Zeichen, vor Symbolen. Meine Kindheit wurde von einer hohen, geheimnisvollen, schwarzen Pappel vergiftet, der dritten im Hofe der Sankt-Peter-Kirche, deren Schatten in den Sommernächten auf mein Bett fiel und als schwarzer Streifen meine Bettdecke zerschnitt. Das machte mich erschauern. Ich verstand es nicht und fragte nicht. [...]
Nein, ich glaube nicht, dass ich furchtsam war, auch dann nicht, wenn die Griechen aus dem 'Grossen Garten' Steine nach uns warfen, sobald sie uns nur sahen und, solange ich mich erinnern kann, mir täglich den Ruf, unter dem ich aufwuchs, wie Spucke nachschleuderten: feiger Jude!
Doch ich weiss, was Angst ist, weiss es sehr gut. Ich wurde bis zur Er-starrung, bis zur Lähmung von kleinen Nichtigkeiten terrorisiert, an denen die übrige Welt empfindungslos vorüberging. Überdimensional sind sie, von Ahnungen begleitet, in mein Leben eingedrungen. Vergeblich näherte ich mich tags der Pappel auf der anderen Strassen-seite, betaste ich schwarze Rinde, riss mit blutenden Fingernägeln Späne aus dem in den Rissen entblössten Holz, vergeblich sagt ich mir: 'es ist nur eine Pappel' und lehnte mich ans sie, um sie zu fühlen, um nie zu vergessen, dass es nur eine Pappel ist. Wenn ich am Abend allein im Zimmer war und wie immer um zehn schlafen ging, vergass ich es dennoch. Von der Strasse hörte man Schritte Vorübergehender, erstickte Stimmen, vereinzelte Rufe. Dann kam die alte Stille in rhytmischen Abstufungen, die ich sehr gut kannte. Mit wenig Mühe kann ich mir heute noch die drei, vier inneren Rucke ins Bewusstsein rufen, mit denen meine Nacht in mich hereinbrach, Stufen, die mich körperlich in Dunkel und Schweigen stiessen. So traf mich der Schatten der Pappel. Ich erstarrte, meine Fäuste verkrampften sich, die Augen waren gross aufgerissen, ich wollte schreien und wusste nicht nach wem."