Irmgard Keun, 1905 in Berlin geboren, begann nach einer kurzen Bühnenlaufbahn mit 21 Jahren zu schreiben. Sie emigrierte 1935. Von 1940 bis 1945 lebte sie illegal in Deutschland. Nach dem Krieg veröffentlichte sie noch zwei Romane, Bilder und Gedichte aus der Emigration sowie eine Erzählung. Außerdem arbeitete sie für Rundfunk und Zeitungen. Sie starb 1982 in Köln.
Jetzt is es ganz aus mit mir. Ich bin schon fast bis zum Stadtrand gewandert. Unterwegs habe ich mich in eine leere Wiese gesetzt, direkt neben eine Königskerze. ich pflückte sie aber nicht ab, denn sie blüht ja nur immer oben an der Spitze, am Leib hat sie Knospen, die verwelkt sind oder nicht mehr augehen, wenn man sie abpflückt.
Ich darf nicht mal mehr in die Schule gehen. Zu Hause haben wir schon zu Mittag gegessen, ich weiss aber gar nicht mehr, wie spät es ist. Alles in durcheinander, und ich muss immer allein sein. Weit und breit darf kein Kind mehr mit mir spielen, weil ich Bazillenträger bin. Vorher sollten die Kinder es manchmal auch nicht, weil ich ungezogen war und frech. Diesmal war ich aber gar nicht ungezogen und habe gar nichts Böses getan. Ich bin ein Bazillenträger geworden, weil mein kleiner Bruder Scharlach hat. Wenn ich ungezogen war, konnte ich ja was dafür, wenn die Kinder nicht mit mir verkehren durften. Aber wenn ich dann unter ihren Fenstern gepfiffen habe, sind sie doch gekommen, und Hänschen Lachs hat weiter die Höhle mit mir gebaut, und Ziskorns Matthias hat stundenlang Steine mit mir aufgewälzt, um zu sehen, was darunter war.